Abiturprüfung 2000 (Bayern)

Geschichte

als Leistungskursfach

Aufgabe III

VON DER EUROPÄISCHEN GLEICHGEWICHTSPOLITIK
ZUR WELTPOLITIK – INTERNATIONALE POLITIK
IM 19. UND 20. JAHRHUNDERT

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1.1 Erarbeiten Sie aus dem Text Leitlinien Lloyd Georges für eine europäische Friedensordnung und klären Sie, welche Gemeinsamkeiten mit Positionen des amerikanischen Präsidenten Wilson erkennbar sind!  
1.2 Bestimmen Sie die tief greifenden politischen Veränderungen, welche im Jahr 1919 die Schaffung einer Nachkriegsordnung auf der Basis der "Verhältnisse von 1914" in Europa unmöglich machten!  
 
 
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2.1 Wägen Sie ab, inwieweit Lloyd Georges Furcht vor einem bolschewistischen Umsturz in Deutschland in der damaligen Situation berechtigt war!  
2.2 Erörtern Sie die Rolle des kommunistischen Russland bzw. der Sowjetunion für die deutsche Außenpolitik der zwanziger Jahre!  
 
 
3 Untersuchen Sie, in welchen wesentlichen Punkten sich die Situation 1945 in Bezug auf die Schaffung einer Nachkriegsordnung in Europa von der Situation in den Jahren 1918/1919 unterschied! 14 BE
 

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Auszüge aus David Lloyd Georges Denkschrift an Clemenceau und Wilson
vom 25. März 1919, dem so genannten Fontainebleau-Memorandum

Wir werden nie einen dauernden Frieden machen können, wenn wir versuchen, die
Verhältnisse von 1914 wiederherzustellen. Aber die Gefahr besteht, dass wir die
Volksmassen in ganz Europa den Extremisten in die Arme treiben, deren einziger
Plan zur Neuzeugung der Menschheit die äußerste Zerstörung des ganzen beste-
henden Gesellschaftsbaus ist. Diese Männer haben in Russland triumphiert. [...]
Die größte Gefahr, die ich in der gegenwärtigen Lage sehe, ist die, dass Deutschland
sich mit dem Bolschewismus zusammentun und seine Hilfsmittel, seinen Verstand,
seine breite Organisationskraft zur Verfügung der revolutionären Fanatiker stellen
könnte, deren Traum ist, die Welt mit Waffengewalt für den Bolschewismus zu er-
obern. [...]
Wenn Deutschland zu den Spartakisten überläuft, ist es unausbleiblich, dass
Deutschland sich mit den russischen Bolschewisten zusammentut. Tritt das ein, so
wird ganz Osteuropa in den Kreis der bolschewistischen Revolution verschlungen,
und über ein Jahr sind wir vielleicht Zeugen des Schauspiels von fast dreihundert
Millionen Menschen, die, in einer großen roten Armee unter deutschen lnstruktoren
und deutschen Generalen organisiert, mit deutschen Kanonen und deutschen Ma-
schinengewehren ausgerüstet, zur Erneuerung des Angriffs auf Westeuropa bereit
sind. [...] Wenn wir weise sind, werden wir Deutschland einen Frieden anbieten, der,
während er gerecht ist, für alle vernünftigen Leute vor der Alternative des Bolsche-
wismus den Vorzug zu verdienen scheint. Ich würde deshalb in den Vordergrund des
Friedens die Versicherung stellen, dass wir Deutschland, sobald es unsere Bedin-
gungen, besonders den Schadensersatz, annimmt, wir ihm die Rohstoffe und die
Märkte der Welt zu den gleichen Bedingungen, wie sie für uns selbst gelten, öffnen
und alles Mögliche tun wollen, um dem deutschen Volk zu helfen, dass es wieder auf
seine Füße kommt. Wir können nicht zugleich Deutschland verkrüppeln und erwar-
ten, dass es uns bezahlt. [...]
Von jedem Gesichtspunkt aus scheint es mir deshalb, dass wir versuchen müssten,
eine Friedensregelung abzufassen, als ob wir unparteiische Schiedsrichter wären,
ohne Erinnerung an die Leidenschaften des Kriegs. Diese Regelung sollte drei Ziele
im Auge haben. Zuallererst muss sie den Alliierten Gerechtigkeit widerfahren lassen,
indem sie die Verantwortlichkeit Deutschlands für die Entstehung des Krieges und für
die Art, in der er ausgefochten wurde, in Rechnung zieht. Zweitens muss es eine
Regelung sein, die eine verantwortliche Deutsche Regierung im Glauben an die
Möglichkeit der Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen unterschreiben kann.
Drittens muss es eine Regelung sein, die in sich selbst keine Neigung zu künftigen
Kriegen enthält und die eine Alternative zum Bolschewismus bildet, weil sie sich der
vernünftigen allgemeinen Meinung als eine billige Regelung des europäischen Prob-
lems darstellt.
Es genügt aber nicht, einen gerechten und weitsichtigen Frieden mit Deutschland zu
entwerfen. Wenn wir Europa eine Alternative zum Bolschewismus bieten wollen,
müssen wir den Völkerbund zu etwas machen, was zugleich ein Schutz ist für die
Nationen, die zu ehrlichem Verkehr mit ihren Nachbarn gewillt sind, und eine Dro-
hung gegen diejenigen, die das Besitzrecht ihrer Nachbarn stören möchten, ob sie
nun imperialistische Imperien oder imperialistische Bolschewisten sind.

   
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