Abiturprüfung 2000 (Bayern)

Geschichte

als Leistungskursfach

Erwartungshorizont und Verteilung der Bewertungseinheiten (): Aufgabe III

Von der europäischen Gleichgewichtspolitik zur Weltpolitik – internationale Politik im 19. und 20. Jahrhundert

  1.1 Aus dem Text können folgende Leitlinien Lloyd Georges erarbeitet werden:
  • Verhinderung einer Bolschewisierung Europas und eines deutsch-russischen Zusammenwirkens ;
  • Schaffung eines "gerechten" Friedens, um Akzeptanz auch durch Deutschland sicherzustellen ;
  • Errichtung einer dauerhaften, in sich stabilen Ordnung in Europa ;
  • Anerkennung der Verantwortlichkeit für den Krieg durch Deutschland sowie Reparationspflicht ;
  • Ermöglichung eines wirtschaftlichen Wiederaufstiegs Deutschlands mit Zugang zum Weltmarkt ;
  • Einrichtung eines Völkerbunds als Instrument der kollektiven Friedenssicherung .


Gemeinsamkeiten zwischen den Leitlinien und den Positionen Präsident Wilsons:

  • Völkerbund als System kollektiver Sicherheit ;
  • Antibolschewismus ;
  • Idee eines "gerechten Friedens" (z.B. Verständigung mit besiegtem Deutschland) ;
  • Durchsetzung des freien Welthandels .


Insgesamt ergibt sich somit eine weitgehende Übereinstimmung.

 
  1.2 Als grundlegende Veränderungen können aufgezeigt werden:
  • Ende übernationaler Reiche und monarchischer Staatsformen ;
  • Veränderung der internationalen Lage durch Entstehung eines bolschewistischen Staats mit weltrevolutionärem Anspruch ;
  • Bildung neuer Nationalstaaten auf ethnischer Grundlage (v.a. in Ost- und Südosteuropa)/Cordon sanitaire
  • Kriegsziele für Siegermächte (z.B. Rückgabe Elsass-Lothringens, Wilsons Forderung nach Selbstbestimmungsrecht der Völker) .
  • Mächtekonzert und Bündnisse wie 1914 und davor sind unter den geänderten Bedingungen kaum denkbar .
  • Erstmals Eingreifen der USA als Weltmacht
 
  2.1 Im Hinblick auf die Berechtigung der Bolschewismusfurcht Lloyd Georges kann Folgendes in Erwägung gezogen werden:

einerseits: innenpolitische Situation 1918/19 in Deutschland lässt Umsturz nach bolschewistischem Vorbild denkbar erscheinen, z.B.:

  • Instabilität durch psychologische Wirkung der Niederlage, zu erwartende wirtschaftliche und soziale Not, Konflikte um die staatliche Neuordnung ;
  • Einfluss von Arbeiter- und Soldatenräten nach der Revolution ;
  • revolutionäre Aktivitäten des Spartakusbundes und der KPD (Spartakusaufstand) ;
  • Radikalisierung in Bayern nach der Ermordung Eisners ;

andererseits: Angesichts der tatsächlichen Machtverhältnisse in Deutschland und der innenpolitischen Schwäche Russlands war die Gefahr eines bolschewistischen Umsturzes eher gering, z.B.:

  • Überwiegen nichtkommunistischer Kräfte in den Räten ;
  • Niederschlagung kommunistischer Unruhen und Durchsetzung der Staatsgewalt gegen die Linke ;
  • breite demokratische Mehrheit in der Nationalversammlung .

Wesentlich soll bei dieser Aufgabe ein Abwägen beider Seiten sein, wobei sowohl eine Entscheidung dafür als auch dagegen gelten muss, sofern sie begründet wird .

 
  2.2 Erörterung der Rolle des kommunistischen Russland für die deutsche Außenpolitik der zwanziger Jahre:
  • Russland als möglicher Partner wegen vergleichbarer Situation und partieller Interessenübereinstimmung (z.B. Polen);
  • Zusammenarbeit zur Erweiterung des außenpolitischen Handlungsspielraums :

    -

    Rapallo: Überwindung der Isolation durch Aufnahme diplomatischer Beziehungen ; Signal einer Handlungsoption (Zusammenarbeit mit der Sowjetunion) an den Westen, Zusammenarbeit auf militärischen Gebiet ;
    - Berliner Vertrag: Absicherung für den Fall eines Scheiterns der Verständigungspolitik/Offenhalten der Rapallo-Option

Es sollte darauf hingewiesen werden, dass die Verständigung mit der Sowjetunion deutscherseits als bewusstes Druckmittel im Verhältnis zu den Westmächten benutzt wurde .

 
  3 Die Untersuchung sollte folgende wesentliche Unterschiede ergeben:
  • Lage des besiegten Deutschlands 1945 grundlegend anders, u.a. Besetzung, Fehlen eines handlungsfähigen Staates, Übernahme der staatlichen Gewalt durch die Sieger ;
  • 1945 im Kern bereits bipolares Mächtesystem, faktische Abgrenzung der Machtsphären zwischen Ost und West – im Kern multipolares System 1918/19 ;
  • Sowjetunion als gleichberechtigter Mitspieler – Ausgrenzung 1918/19 ;
  • ideologische Gegensätze zwischen Ost und West, Einbettung der Situation in Europa in globale Zusammenhänge – Einigkeit in der Frontstellung gegenüber dem Bolschewismus 1918/19 ;
  • Festlegung von Grundzügen der Nachkriegsordnung bereits auf Konferenzen während des Krieges, Kern von Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die Behandlung Deutschlands – in wichtigen Punkten unterschiedliche Vorstellungen der Sieger, Entscheidungsfindung erst auf der Pariser Friedenskonferenz .
  • Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg sind in Art und Ausmaß mit denen des Ersten Weltkriegs nicht vergleichbar und bestimmten maßgeblich das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten .
© abiturloesungen.de, Christoph Brede (Augsburg), 2000